CO2-Reduktion

Diesel und Geländewagen? Wir brauchen ein Umdenken in der Autoindustrie



Der SUV und die völlig fehlgeleitete Verkehrspolitik


Gespräch mit MdEP Prof. Dr. Klaus Buchner ÖDP

Herr Prof. Buchner, der Verkehr ist einer der Hauptverursacher für den Klimawandel, trotzdem werden gerade im Bereich der schweren und spritschluckenden Geländelimousinen, der sog. SUVs, eine Abkürzung für Sport Utility Vehicle, ständig steigende Absatzzahlen verkündet.

Dieser zunehmende Autokauftrend ist absurd, genauso wie die heuchlerische Bezeichnung „Sport Utility“. Was hat die Nutzung dieser Fahrzeuge mit Sport zu tun? Semantisch ein völliger Unsinn. Die Mischung aus Geländewagen und Limousine wurde ursprünglich mal für ländliche, schwierige Strecken entwickelt. Doch mittlerweile prägen die SUVs unnötigerweise unser städtisches Straßenbild. Diese Fahrzeuge machen dort jedoch überhaupt keinen Sinn. Ökologisch gesehen sind die SUVs durch ihren höheren CO2-Ausstoß noch mehr klimaschädlich als kleinere PKWs. Sie nehmen noch mehr Platz weg in den überfüllten Städten, Staus und Parkplatznot nehmen zu, der Klimaschaden potenziert sich dadurch. Abgesehen davon werden seit Jahrzehnten auch die kleineren und mittleren PKWs immer größer und PS-stärker.


In den USA sind schon lange Pick-ups und mittlerweile SUVs immer beliebter, sie stehen in den USA an erster Stelle. Seit Jahren steigen nun auch in Deutschland und Europa die Zulassungszahlen für SUVs kontinuierlich.

In der Tat, angesichts der Klimabelastung sind die Neuzulassungen von SUVs geradezu absurd. Bereits 25% der über 15 Millionen Neuwagen in Europa 2016 waren SUVs. (Marktbeobachter Jato Dynamics).
In Deutschland lag 2016 der Marktanteil der Neuzulassungen im Segment SUV bereits bei 13% mit einer Steigerungsrate von über 25%(!) gegenüber dem Vorjahr (Kraftfahrt-Bundesamt).
Die Zahlen haben eine enorme Dynamik, steigen also rasant. Die SUV-Zahlen sind symptomatisch für eine insgesamt fehlgeleitete Verkehrspolitik.


Wie hoch ist denn der CO2-Ausstoß beim SUV und Geländewagen im Vergleich zum normalen PKW?

Laut CAM (Center of Automotive Management) liegen die SUVs im Schnitt bei 134 Gramm pro Kilometer, die Geländewagen sogar bei 160 Gramm! Der Kompaktwagen VW Golf z.B. liegt im Vergleich bei 117 Gramm.

Kann die Verordnung der Europäischen Union, die CO2 Emissionen 2020 auf
95 Gramm je Kilometer zu senken unter diesen Bedingungen überhaupt eingehalten werden?

Das wird zweifellos nicht möglich sein, wenn nicht sofort und durchgreifend endlich gegengesteuert wird. Mit steigenden SUV und Geländewagenzahlen geht das definitiv nicht, im Gegenteil wir werden dadurch einen Anstieg des CO2-Ausstoßes haben.
Ohne entsprechend strengere politische Richtlinien werden die Autohersteller dieses Ziel nicht erreichen. Es besteht außerdem noch eine deutliche Diskrepanz zwischen dem realen Kraftstoffverbrauch und dem von den Autoherstellern angegebenen Testverbrauch. Das ÖKO Forschungsinstitut  ICCT (International Council of Clean Transportation) kommt zu dem Schluss, dass die realen Werte um bis zu 40% abweichen, weil Hersteller die Fahrzeuge bei den Tests entsprechend präparieren. Leider wird solchen Machenschaften kein gesetzlicher Riegel vorgeschoben, so dass es nicht einmal illegal ist, was hier passiert. Die Bevölkerung wird bewusst mit falschen Angaben zum Kraftstoffverbrauch in die Irre geführt.


Wo liegen die Unterschiede zwischen Diesel und Benziner bezüglich des CO2-Ausstoßes? Und was hat es mit dem Stickoxidausstoß auf sich?

Der Dieselantrieb ist im Ausstoß prinzipiell CO2-ärmer und wurde deshalb als „umweltfreundlicher“ angepriesen und über sehr viele Jahre daher gefördert. Vertuscht wurde allerdings über mehr als zehn Jahre, dass der Diesel in der angewandten Form einen x-fachen Stickoxidausstoß gegenüber den amtlichen Vorschriften produziert. Hinzu kommt der besonders krebserregende Feinstaub vom Diesel, welcher durch die Rußpartikelfilter niemals vollständig abgehalten werden kann.
Der Dieselskandal ist übrigens genauso wie die gesamte Verkehrspolitik ein eklatantes Versagen der Bundesregierung sowie der Autoindustrie. Der beim Diesel extrem höhere Stickoxidausstoß wurde auf hoch kriminelle Art und Weise durch die Installation von Software manipuliert und war auf dem Prüfstand dadurch nicht feststellbar. Diese illegale Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerung von Dieselfahrzeugen ist seit 2003(!) in zunehmendem Ausmaß bekannt, also seit nunmehr 14 Jahren. Der Betrug durch die Autoindustrie wurde jedoch anhaltend durch die politisch Verantwortlichen vertuscht, die Gesundheit der Bürger spielt überhaupt keine Rolle. Deutlich zunehmende Lungenerkrankungen von Erwachsenen und auch Kindern in Ballungsräumen durch exorbitant hohe Stickoxidausstöße beim Diesel werden skrupellos in Kauf genommen, Hauptsache der Motor im Auto nimmt keinen Schaden und die Autoindustrie floriert.
Das Verhalten von Bundesverkehrsminister Dobrindt zu diesem Thema kann man nur als kriminell bezeichnen, auch unter Berücksichtigung des Amtseides: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“ Das gleiche gilt natürlich für Bundeskanzlerin Merkel, die ihren Verkehrsminister gewähren lässt und nicht selbst eingreift.


Können Sie uns einige Zahlen nennen, welche das Ausmaß des
Stickoxidausstoßes belegen?

Tests und Berechnungen des Bundesumweltamtes im Jahr 2016 ergaben, dass auch moderne Diesel-PKWs die Grenzwerte für Stickoxide um ein vielfaches überschreiten. Die Messungen ergaben 500 – 900 Milligramm pro Kilometer. Der erlaubte Grenzwert liegt aber bei nur 80 Milligramm! Die Überschreitung liegt somit beim 5- bis 10-fachen je nach Modell!
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) stellte 2016 ihre bisher umfangreichste Abgasuntersuchung im realen Straßenbetrieb von 36 Diesel- sowie drei Benzin- bzw. Benzinhybridfahrzeugen der Abgasstufe Euro 6 vor:
„Obwohl die Messungen zwischen Mai und September bei überwiegend sommerlichen Temperaturen erfolgten, überschreiten 33 der 36 Fahrzeuge die Stickoxid-Grenzwerte um das bis zu 9,2-fache. Die Tatsache, dass drei Fahrzeuge die Grenzwerte unterschreiten, zeigt die grundsätzliche Machbarkeit einer wirksamen Abgasreinigung.“ Diese Fakten sollten die verantwortlichen Politiker endlich zur Kenntnis nehmen.

Kommen wir zurück zur dringend notwendigen Reduzierung des CO2-Ausstoßes.
Kann Deutschland die Klimaziele überhaupt erreichen?

Die Klimaziele werden doch überhaupt nicht ausreichend ernst genommen. Unser Verhältnis zur Energiewende ist unaufrichtig. Deutschland hinkt den gesteckten Klimazielen hinterher. Die gesamten CO2-Emissionen sind nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) 2016 und 2015 sogar um 0,9% bzw. 0,7% gestiegen. Mehrere „Baustellen“ werden nicht zügig vorangetrieben. Wir haben 1. kaum Zuwachs von sauberem Strom. 2. Der Kohleausstieg schreitet nicht zügig voran, sondern wird sogar vom ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Gabriel ausgebremst. 3. Auch im Verkehrsektor kommen wir nicht konsequent genug und schnell voran, im Gegenteil läuft hier einiges rückwärtsgewandt. Mit immer mehr SUVs und größeren PS-stärkeren PKWs kann das nicht funktionieren.
Das Bundesverkehrsministerium verschläft hier die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen sträflich, nicht nur im Personenverkehr, sondern ebenso 4. auf dem Gebiet Güterverkehr. Die notwendige Trendwende im Güterverkehr auf die Schiene kommt auch nicht voran, im Gegenteil hier läuft es auch rückwärts. In Deutschland war 2016 der Marktanteil Güterverkehr 18% Schiene und 71% Straße!


Es heißt, beim Verkehr kommt es anstatt der angestrebten
7 bis 10 Millionen Tonnen CO2-Reduzierung wohl doch nur auf optimistisch geschätzte 1,6 Millionen.

Die Bundesregierung müsste längst Maßnahmen ergriffen haben angesichts der ernüchternden Klimabilanz des CO2 Ausstoßes im Verkehrssektor. Ein Beispiel, anstatt den Schienenverkehr zu unterstützen, ist seit den 90er Jahren das Autobahnnetz noch um 1700 km erweitert worden. Durch günstigere Frachtpreise und billigen Kraftstoff wird die Rolle der LKW immer noch stärker. Vollmundige Versprechen der Hersteller von schadstoffarmen LKWs machen das doch nicht wett. Da geht konsequent der Focus in die falsche Richtung zum Nutzen der KFZ-Industrie.
Deutschland zeigt mit dem Finger auf andere Nationen und ist doch selber von den Klimaschutzzielen für 2020 weit entfernt. Auch in der Landwirtschaft und Industrie geht man die Reduzierung der Emissionen nicht konsequent an. Immer aus denselben Gründen, die da heißen: Profit vor Mensch und nicht wie es die ÖDP fordert: Mensch vor Profit.


Aber der Verbraucher beschleunigt doch selber mit seinem Kaufinteresse die Problematik? Oder wird er von der Automobilindustrie hinters Licht geführt?

Dem Verbraucher wird im PKW-Segment dauernd neues angeboten und warm gemacht. Und es wird das gekauft, was der Markt bietet und was dem Verbraucher als toll zum Verkauf angeboten wird. Der deutsche Automarkt ist doch bei den Elektrofahrzeugen und den Möglichkeiten der Nutzung noch meilenweit hinter seinen Möglichkeiten. China und das Silicon Valley haben längst die Führung übernommen. Da wird einfacherweise weiterhin und mit steigenden Verkaufszahlen ein Klimakiller wie der SUV produziert. Jahrzehntelang wurde der Diesel von den Herstellern in den höchsten Tönen gepriesen, auch der Verbraucher hinters Licht geführt. Und er wird auch weiterhin für dumm verkauft, wie der erste sog. „Diesel-Gipfel“ am 2. August gezeigt hat. Umwelt- und Verbraucherverbände werden gar nicht erst eingeladen. Dem Verbraucher – also dem Autobesitzer – wird von den Autoherstellern vorgegaukelt, man könne das Problem Stickoxidausstoß mit einem „kostenlosen“ Software-Update lösen, ohne eine notwendige teurere Hardware-Installation. Bundesverkehrsminister Dobrindt verkauft dies auch noch als Erfolg des Diesel-Gipfels. Die Bundeskanzlerin erscheint noch nicht einmal bei diesem Gipfel. Absurder geht es nicht mehr! Fahrverbote in Ballungszentren können jedenfalls so nicht verhindert werden.


Wie kann es denn besser werden, was schlagen Sie vor?

Wir müssen uns der Problematik des Klimawandels stellen und die Vorgaben erreichen. Gleichzeitig muss eine größtmögliche Flexibilität der Mobilität angeboten werden. Ich persönlich lege im Jahr ca. 40.000 Kilometer zurück für die Reisen zwischen den Parlamenten, meinem Zuhause in München und den vielen Vortragsreisen, bei welchen ich zu 90 Prozent die Bahn und andere öffentliche Verkehrsmittel nutze.
Der individuelle Verkehr mit einer Person pro Fahrzeug ist nicht mehr zeitgemäß, wir brauchen nicht noch mehr spritschluckende, schwere SUVs und Geländewagen, welche die Städte verstopfen und absurde Diskussionen über größere Tiefgaragenplätze in Gang setzen. Wir brauchen eine emissionsarme Mobilität für unsere Städte und unser Klima. Darum sollte sich die Industrie gemeinsam mit den Regierungsparteien kümmern. Der öffentliche Nahverkehr muss attraktiver gestaltet werden. Wer würde sich denn freiwillig dem Stress des Autofahrens und den Staus ausliefern, wenn es in jeder Hinsicht bessere Fahrvarianten gäbe. Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen weiter optimiert werden in Bezug auf Strecken, Komfort, Sauberkeit, Service und Sicherheit. Der Güterverkehr muss deutlich mehr auf die Schiene.
Die Verlogenheit der verantwortlichen Politiker muss endlich aufhören, sie sollten auch mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Dem Lobbyismus muss ebenfalls Einhalt geboten werden. Und nicht zuletzt müssen wir alle umdenken, um nicht unseren Kindern und Enkeln Schaden zuzufügen und unseren Planeten zu zerstören.
Unser Motto lautet wie gesagt: Mensch vor Profit und nicht umgekehrt.

Vielen Dank Herr Prof. Buchner


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