Grenzen des Wachstums


Grenzen des Wachstums

Zum 50-jährigen Bestehen des „Club of Rome“
Von Jens Eberhard Jahn


Die Bibel wurde 2-3 Milliarden Mal gedruckt, Erich Maria Remarques Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ 20 Millionen Mal, Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ 12 Millionen Mal. „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 bringen es heute auf 30 Millionen Exemplare – eine sehr hohe Auflage für ein unbequemes Sachbuch! Im Frühling 1972 erschien es als eine Studie über die Zukunft der Weltwirtschaft, finanziert von der Volkswagenstiftung, verfasst federführend von Donella und Dennis Meadows, einer Umweltwissenschaftlerin und einem Ökonomen aus den USA.
Auftraggeber der Studie war der erst 1968 gegründete Club of Rome, eine internationale Vereinigung von Expertinnen und Experten, die sich die Zukunftsforschung zur Aufgabe gemacht hatte. Deren erste Publikation, „Die Grenzen des Wachstums“, führte sofort nach ihrem Erscheinen zu überaus kontroversen und emotionalen Reaktionen. Denn die Autorinnen und Autoren hatten nichts Geringeres getan, als den „American Way of Life“, die ideale westliche Lebensweise schlechthin radikal in Frage zu stellen. Die Grundthese: Wir leben über unsere Verhältnisse und beuten die Ressourcen des Planeten gnadenlos aus.

Die Studie, wie auch die politisch bedingte unmittelbar darauf folgende „Ölkrise“ von 1973, lösten ein gewisses Umdenken insbesondere in den westlichen Staaten aus. Die Umweltbewegung fand großen Zulauf. Verschiedene Umwelt- und Anti-Atomkraft-Gruppen, Teile der Friedensbewegung und der Neuen Linken gründeten in der Bundesrepublik Deutschland 1980 die Partei Die Grünen. Parteien, die Ökologie als programmatischen Schwerpunkt bedienen, gibt es heute in den meisten Staaten der Erde.

Aber auch jenseits einer dezidiert grünen politischen Strömung kam es zu einem gesellschaftlichen Umdenken, zur Entwicklung neuer Technologien, erhöhter Energieeffizienz und stärkerer Entkoppelung von Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch und Umweltverschmutzung. In den Ostblockstaaten, so etwa der DDR, wurden die Thesen des Club of Rome regierungsamtlich als „feindlich-negativ“ abgelehnt, aber angesichts erheblicher Umweltprobleme insbesondere von der kirchlich geprägten oppositionellen Umweltbewegung bekannt gemacht und thematisiert.
Fazit des Berichts des Club of Rome: „Unsere gegenwärtige Situation ist so verwickelt und so sehr Ergebnis vielfältiger menschlicher Bestrebungen, dass keine Kombination rein technischer, wirtschaftlicher oder gesetzlicher Maßnahmen eine wesentliche Besserung bewirken kann. Ganz neue Vorgehensweisen sind erforderlich, um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichtszustände führen. Sie erfordern ein außergewöhnliches Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut.“

Die neuen Grenzen

1992 erschien eine Aktualisierung des Berichts, „Die neuen Grenzen des Wachstums“. Neue Erkenntnisse (beispielsweise größere Rohstoffvorkommen als 20 Jahre zuvor bekannt) und die in der Zwischenzeit eingetretene Entwicklung wurden in die aktualisierten Simulationen aufgenommen; dennoch bleiben die Ergebnisse in der Tendenz ähnlich. Ebenso wie im 1972-er Bericht enden die meisten Szenarien mit „Grenzüberziehung und Zusammenbruch“. Durch Geburtenbeschränkung, Produktionsbeschränkung, Technologien zur Emissionsbekämpfung, Erosionsverhütung und Ressourcenschonung ließe sich aber ein Gleichgewichtszustand erreichen. Je später mit diesen Maßnahmen begonnen würde, desto niedriger wäre der erreichbare materielle Lebensstandard. Insgesamt wurden 13 Szenarien in dem Bericht vorgestellt, von denen drei zu einem Gleichgewichtszustand führen.

Im Jahr 2004 veröffentlichten die Autoren das 30-Jahre-Update. Anhand der darin errechneten Szenarien ergibt sich ein Überschreiten der Wachstumsgrenzen und ein anschließender Kollaps bis spätestens 2100. Eine Fortführung der bisherigen Lebens- und Wirtschaftsweise führe sogar zum Kollaps ab dem Jahr 2030. Ein solcher Kollaps besteht aus mehreren Faktoren: Ressourcenknappheit („Peak Oil“, „Peak everything“), Naturkatastrophen durch Klimawandel, wie wir sie heute schon erleben, inklusive der daraus folgende Kriege um Ressourcen und Migrationsbewegungen, sowie Nahrungsmittelknappheit. Die derzeitigen Probleme der Welternährung sind natürlich auch ein Verteilungsproblem, wenn 20 Prozent der Erdbevölkerung über 85 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes verfügen. Sie sind auch Folge von vermeidbaren Nachernteverlusten durch unzureichende Lager- und Transportmöglichkeiten (zu denen eben Investitionsmittel fehlen). Sie sind aber eben auch Folge von durch Menschen verursachte ökologische Veränderungen, die zum Verlust von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche und zur Verringerung der Bodenfruchtbarkeit führen. Zurzeit würden 40 Prozent der Ackerflächen übernutzt und 75 Prozent der Fischbestände seien bereits abgefischt.

Die Studie von 2004 warnt: Auch bei energischem Umsetzen von Umweltschutz- und Effizienzstandards kann die Tendenz zum Kollaps oft nur abgemildert, aber nicht mehr verhindert werden. Erst die Simulation einer überaus ambitionierten Mischung aus Einschränkung des Konsums, Kontrolle des Bevölkerungswachstums, Reduktion schädlicher Emissionen und zahlreichen weiteren Maßnahmen ergibt eine nachhaltige Erde mit rund acht Milliarden Menschen.

Der ökologische Fußabdruck

1994 wurde das Modell des ökologischen Fußabdrucks entwickelt. Die Methodik setzt zwei Flächen zueinander in Beziehung: Den für einen Menschen durchschnittlich verfügbaren Land- und Wasserflächen werden diejenigen Land- und Wasserflächen gegenübergestellt, die in Anspruch genommen werden, um den Bedarf dieses Menschen zu produzieren und den dabei erzeugten Abfall aufzunehmen. Allerdings beschränkt sich der ökologische Fußabdruck auf biologisch produktive Land- und Wasserflächen, die in die Kategorien Ackerland, Weideland, für Fischerei genutzte Meeresflächen und Binnenwasserflächen sowie Wald eingeteilt werden. Nicht biologisch nutzbare Flächen (bebaute Flächen, aber auch Wüsten und Hochgebirge) gelten als neutral.

Nach diesem Modell stehen jedem Menschen (Stand 2013) 1,71 gha (globale Hektar) zur Verfügung. Verbraucht werden aber 2,87 gha/Person. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Staaten und Kontinenten erheblich: In Afrika liegt der ökologische Fußabdruck bei 1,4 gha, in Europa bei 4,87 (Deutschland 5,46 gha) und in Nordamerika bei 8,61 gha. Obwohl es Länder (auch mit hohem Fußabdruck) gibt, die noch über ökologische Reserven verfügen, wie etwa Schweden oder Kanada, zeigt dieses Modell nicht nur die völlige Übernutzung des Planeten, sondern auch die ungleichmäßige Verteilung dieser Übernutzung.

Grünes Wachstum als Lösung?

Bei allen Unterschieden zwischen den politischen Forderungen der Rechten und der Linken herrscht in einem Punkt meist Einigkeit: Wir brauchen mehr Geld! Mehr Geld für die Bildung, die Rüstung, die sozialen Sicherungssysteme, die Entwicklungshilfe, die Wirtschaftsförderung, den Radverkehr, den Flugverkehr… Und selbstverständlich werden hier je nach politischer Überzeugung und Zielrichtung Verteilungskämpfe ausgetragen. Der politische Frieden ist jedoch schnell wieder hergestellt, denn alle sind sich einig, dass der finanzielle Kuchen eben grundsätzlich wachsen müsse, um für all die genannten Projekte die nötigen Mittel zu haben: Wir brauchen Arbeitsplätze? Also mehr Wachstum! Wir brauchen bessere Schulen? Mehr Wachstum! Wachstum durch Steuersenkungen, durch Innovation, durch Abwerbung von Expertise aus anderen Ländern. 2017 betrug das Wirtschaftswachstum in der EU 2,3 Prozent zum Vorjahr, in Russland 1,7 Prozent, in der Türkei 5,3 Prozent, in der Schweiz 0,9 Prozent und in den USA 2,2 Prozent. Wo sind sie nun, die „Grenzen des Wachstums“ auf einem Planeten, der ja nicht mitwachsen kann?
Es ist klar, dass es immer Wirtschaftsbereiche gab und geben wird, die wachsen, während andere schrumpfen. Von dieser Feststellung ist es nicht weit zur Propagierung eines „grünen Wachstums“. 2007 schrieb Thomas L. Friedman in der New York Times über den „Green New Deal“, der konsequent ökologisch verantwortungsvolle Produktionsmethoden, Produkte und Energieträger fördern solle. In Deutschland wird dieser politische Ansatz vor allem von den Bündnisgrünen verfochten.

Vielen gilt dies aber lediglich als „Greenwashing“ der herrschenden Wachstumsideologie und als global betrachtet unlauteres Mittel zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Kritiker fordern vor allem Garantieverlängerungen für Gebrauchsgüter, um langlebigere Produkte zu fördern. Dazu kommen weitere Maßnahmen, wie die Mithaftung der Auftraggeber von Produkten mit Giftstoffen. Dadurch soll nachhaltiges Handeln wirtschaftlich sinnvoll werden.

Um zusätzliche Anreize zum nachhaltigen Wirtschaften zu schaffen, sollen Unternehmen, die ein bestimmtes Mindestmaß an „Gemeinwohl-Kriterien“ wie Klimaschutzaktivitäten oder Arbeitsplatzsicherheit gewährleisten, steuerliche Vorteile genießen. Parteipolitisch haben sich viele Wachstumskritikerinnen und -kritiker in der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) organisiert. Diese Gruppierung hatte sich vor 36 Jahren als „rechter Flügel“ von den Grünen abgespalten, vertritt aber heute deutlich radikalere Forderungen für nachhaltiges Wirtschaften als alle anderen Parteien. Mit geringem Erfolg. 2014 aber konnte der Physiker Klaus Buchner für die ÖDP ins Europaparlament einziehen. Er erklärt gegenüber Christen heute: „Grenzenloses Wachstum beutet Mensch und Natur aus. Ich stehe für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, in der der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt steht.“

Bruttoinlandsprodukt oder Bruttosozialglück?

Wachstum und Wohlstand werden in der Tat generell nicht am Menschen, sondern am Profit gemessen, nämlich durch das „Bruttoinlandsprodukt“ (BIP). Dieses wächst auch bei Unfällen, Katastrophen, wenn Werte zerstört werden. Als Alternative dazu definiert das Königreich Bhutan das „Bruttonationalglück“, in das neben dem Lebensstandard auch Bildung, physisches und psychisches Wohlbefinden, kulturelle und ökologische Vielfalt sowie Resilienz einfließen. Einen ähnlichen Weg ging 2008 Ecuador, als es das Prinzip des „buen vivir“ (gutes Leben) als Staatsziel einführte.
In vielen fortschrittlichen und auch christlichen Kreisen wurden diese Konzepte diskutiert. Schließlich fand die Debatte auch Eingang in den Deutschen Bundestag: Parteiübergreifend wurde 2010 eine Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt. Deren Grundfrage lautete: Wie können gesellschaftlicher Wohlstand, persönliches Wohlergehen und nachhaltige Entwicklung in einer Gesellschaft angemessen definiert und abgebildet werden in Anbetracht der Tatsache, dass der Fokus auf das Wachstum des BIP nicht mehr ausreicht? Hinter den Wohlstandsperspektiven standen die Fragen: Gibt es Grenzen des Wachstums, und wie geht Deutschland mit möglicherweise geringeren Wachstumsraten in den nächsten Jahrzehnten um?

Darüber hinaus wollte die Kommission genauer untersuchen, ob und wie das BIP-Wachstum vom Wachstum des Verbrauchs an Ressourcen, Umwelt und Biokapital sowie von Emissionen dauerhaft entkoppelt werden kann und welche Zukunftsfelder technischen Fortschritts möglich sind. Ebenfalls sollte geprüft werden, wie eine nachhaltig gestaltende Politik aussehen könnte und welchen Einfluss Arbeitswelt, Konsumverhalten und Lebensstile auf die Möglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftens haben. Ziel des abschließenden Kommissionsberichts war es, neben der Darstellung der gewonnenen Erkenntnisse zu den Unterthemen auch konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren. Geleitet wurde die Kommission von der Physikerin und Leipziger Sozialdemokratin Daniela Kolbe und bestand aus 17 Bundestagsabgeordneten und 17 externen Sachverständigen. Der Schlussbericht umfasst 850 Seiten und mehrere Sondervoten. So etwas wird kaum gelesen und ist öffentlich nicht wahrnehmbar. Und bleibt politisch weitgehend folgenlos.

Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU, SPD und CSU verständigte man sich auf „nachhaltiges und inklusives Wachstum“, auf eine „wachstumsorientierte Wirtschaft“ und darauf, dass es auch in zehn und fünfzehn Jahren noch Wachstum in Deutschland gebe. Das Wort „Wachstum“ und aus ihm zusammen gesetzte Wörter kommen im Koalitionsvertrag 25 Mal vor (zum Vergleich: „Ökologie“ oder „Lebensgrundlagen“ kommen gar nicht vor). Immerhin: „Wir stehen für eine Umwelt- und Klimapolitik, die die Bewahrung der Schöpfung und den Schutz natürlicher Ressourcen mit wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Verantwortung erfolgreich verbindet. Wir treten für eine effiziente, technologieoffene und innovationsfördernde Umweltpolitik ein, die wir gemeinsam mit den gesellschaftlichen Partnern gestalten.“ Das ist „Green New Deal“ schwarz-rot formuliert. „Eine Koalition ist keine Wunschehe“, sagte mir Daniela Kolbe, Leiterin der früheren Enquete-Kommission, auf meine Frage, warum sich schon im letzten Koalitionsvertrag kaum ein Echo auf die Ergebnisse der Enquete-Kommission fand.

Maßlosigkeit überwinden

Aber letztlich ist es nahezu Konsens aller im Bundestag vertretenen Fraktionen (sicher nicht aller Abgeordneten), dass „Zielkonflikte zwischen Umweltbelangen und einem auf industrieller Arbeitsteilung nebst herrschendem Geldsystem basierenden Wirtschaftssystem“ lösbar seien. Dies schreibt der wohl hierzulande bekannteste Vertreter des Konzepts einer Postwachstumsökonomie, Niko Paech, der an der Universität Oldenburg Ökonomie lehrt. Und polemisch fährt er fort: „Gewinnt der Tourismus im Norden an Bedeutung, wenn dort Palmen wachsen? Ermöglicht das Abschmelzen der Polkappen, dass dort Erdöl gefördert werden kann?“ Paech geht es nicht um anderes Wachstum, sondern um eine Abkehr von der linken wie rechten Wachstumsideologie. Er versteht eine Postwachstumsökonomie als Beseitigung sämtlicher Wachstumszwänge. Dazu zählt das Geld- und Zinssystem, das eben durch das Versprechen der Geldvermehrung durch Zinseszins Wachstum benötige.

Denn der Zins muss ja erwirtschaftet werden. Dazu gehören ebenso Innovationsorientierung, Fremdversorgung und bedingungslose Steigerung materieller Selbstverwirklichungsansprüche. Stattdessen fordert er unter anderem eine Geldreform, stoffliche Nullsummenspiele, Regionalökonomie und eine Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung durch Wiedererwerbung verlorengegangener Kompetenzen. Fachleute reden hier von Resilienz und Subsistenz. Das klingt nach radikalem Systemwechsel. Doch „auch in einer Postwachstumsökonomie werden Märkte, Unternehmen, Geld, Konsumgüter und technische Innovationen benötigt – aber fern einer Kultur der Maßlosigkeit“, so Paech.
Kritik an Maßlosigkeit klingt anders als heutige Werbebotschaften des ökonomischen und politischen „höher, schneller, weiter“. Sie klingt fast religiös und erinnert an die Zinsverbote im 5. Buch Mose und in der Sure 3 des Korans.

Wenn wir uns jetzt an die Wachstumskritik des Club of Rome von 1972 erinnern, stellen wir fest, dass sich nicht viel geändert hat seitdem. Dringlich wäre aber nicht nur ein politisches und ökonomisches Umsteuern, sondern auch eine gesellschaftliche und persönliche spirituelle Erneuerung und Umkehr.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Christen heute.